Petit Café
1958 bis heute in der Marienstraße 2
„Eines der originellsten Lokale Münchens, winzig zwar, doch mit einem nostalgischen, kitschigen Charme, der seinesgleichen sucht, eine zuverlässige Börse, in der besonders am Spätnachmittag die neuesten Nachrichten gehandelt werden.“
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Quelle: Forum Queeres Archiv München e.V.
Etwas abseits der üblichen Pfade befindet sich seit über 60 Jahren das Petit Café im Altstadtviertel. Lange Zeit war es auch in der Schwulenszene ein Geheimtipp. Erich Haas, der das Café mit seinem Freund Klaus Linde Ende der 50er-Jahre betrieb, beschrieb die Atmosphäre daher als besonders familiär. Später wurde das Petit Café unter anderem von „Mutti“ und „Hermine“ geführt.
„Mir klingt noch heute Hermines spitzes Stimmchen im Ohr, wenn sie einem die Kaffeetasse zuschob und fragte: Mit Milch? Und wie sie dann zusammenzuckte, wenn man mit dem Kopf nickte. Worauf die Frage folgte: Mit Zucker? Und wieder durchlief sie ein Zucken, wenn man das bejahte, denn jetzt schien es um ihre finanzielle Existenz zu gehen. Und dann folgte das Unvermeidliche: Ein Stückchen oder zweiii? Schon wegen dieses dramatischen Dialogs haben wir bei Hermine große Kaffeemengen konsumiert.“
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Foto: unbekannt
Quelle: Petit Café 1962
Foto: unbekannt
Quelle: Petit Café 1962
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Ochsengarten
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Sendlinger Tor WG
info
Städtische Räume sind nicht einfach gegeben oder existent, sondern in hohem Maße durch die gesellschaftliche Realität von Individuen beeinflusst. Der städtische Lebensraum konstituiert sich anhand persönlicher Lebenszusammenhänge. Jede*r Stadtbewohner*in hat eine individuelle Landkarte des städtischen Raumes im Kopf und nimmt die Stadt in einer bestimmten Weise wahr, die den Mitmenschen verborgen bleibt. Öffentliche Räume und Gebäude haben für unterschiedliche Personen unterschiedliche Bedeutungen, die sich überlagern und in ihrer Mehrschichtigkeit auf den ersten Blick nicht erkennbar sind. gayze geht der Frage nach, wo in München queere Menschen – Lesben, Schwule, Bi, Trans, Inter*, nonbinary – die Bedeutung von Orten geprägt haben.
Das Projekt erfasst Räume, an denen queeres Leben in München stattfindet bzw. stattgefunden hat und macht deren vielfältige Geschichte anhand einer digitalen Karte sichtbar. Die Spuren verdeutlichen, dass der urbane Raum seit jeher durchwoben ist von einem Geflecht queerer „Gegenöffentlichkeiten“, die traditionelle, heteronormative Hierarchien außer Kraft setzen.
Anhand einer eigens erstellten Website werden die queeren Orte mit unterschiedlichem Material wie Bildern, Tonaufnahmen, historischen Dokumenten und anderen Objekten verknüpft, um die Historie des jeweiligen Ortes offenzulegen. Die entstandenen Bricolagen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, wollen keine abgeschlossene Geschichte erzählen, sondern ein Schlaglicht werfen auf die möglichen Ausformungen queeren Lebens.
gayze – Queere Orte in München ist von Anfang an als offen und prozesshaft angelegt. Die Karte, die in Zusammenarbeit mit dem Forum Queeres Archiv München und der PLATFORM entstanden ist, soll im Laufe der Zeit um weitere Orte ergänzt werden. Nutzer*innen sind zur Teilhabe aufgerufen. Persönliche Anmerkungen, neue Orte und Objekte sind immer erwünscht. Langfristig soll gayze zum digitalen Archiv queerer Stadtgeschichte(n) in München werden, durch welches interessierte Personen ihre Stadt aus einer anderen Perspektive sehen und abseits der ausgetretenen Pfade auf Erkundungstour gehen können.

links: Jonas Peter (Idee, Konzept, Recherche, Text – Platform München) rechts: Stefan Gruhne (Recherche, Text – Forum Queeres Archiv München) mitte: Fabian Karrer (Gestaltung – Studio Erika)
Mit freundlicher Unterstützung durch: